Im Wald der Textil-Siegel: Bedeutung, Unterschiede, Verlässlichkeit

Im Wald der Textil-Siegel: Bedeutung, Unterschiede, Verlässlichkeit | Juniper & Moon

Qualitätssiegel haben unterschiedliche Zielsetzungen: manche überwachen Grenzwerte von Chemikalien in Textilien, andere haben faire Arbeitsbedingungen zum Schwerpunkt. Wieder anderen liegt ein ganzer Kanon von Standards zugrunde - hier prüft man sowohl die Umweltfreundlichkeit als auch die Sozialstandards der sich auf das Siegel bewerbenden Firmen und ihrer Produkte.

Prinzipiell jedoch werden Siegel in Deutschland ohne gesetzliche Regelung vergeben. Somit kann jeder Hersteller sein eigenes Siegel kreieren und sich damit schmücken.

Die fehlenden gesetzlichen Regulierungen führen leider oftmals - und das überrascht jetzt wohl niemanden wirklich - zu Missbrauch und zur Irreführung von Verbraucher*innen. Es sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen Hersteller ein selbst kreiertes Siegel präsentieren und damit die Verbraucher*innen zum Kauf bewegen wollen.

In den Vordergrund sind dadurch die Siegel gerückt, hinter denen berechtigte Zertifizierungsstellen sowie Institutionen stehen und das Gütesiegel mit Zahlen, Fakten und nachweisbaren Überprüfungen belegen können.

Wir stellen euch nachfolgend einige der bekanntesten Textil-Siegel vor, die uns beim Kleiderkauf begegnen können, erklären kurz ihre Bedeutung und helfen euch einzuschätzen, wie glaubwürdig die Siegel im einzelnen sind.

 

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Organic Cotton Market Report 2016 | textile network | Internationales  Magazin für die Herstellung textiler Produkte

C&A BIO COTTON

Siegelgeber

Das Unternehmen C&A vergibt das C&A Bio Cotton Label als ein unternehmenseigenes Siegel. Mit 138 Mio. Einheiten verkaufte C&A 2015 weltweit die meiste Kleidung aus Biobaumwolle.

Ziel/Schwerpunkt

C&A will vor allem nachteilige Umweltauswirkungen durch die Verwendung von Biobaumwolle reduzieren. Bis 2020 will C&A 100 Prozent der Baumwolle und damit 67 Prozent aller Rohstoffe aus nachhaltigeren Quellen beschaffen. Die Baumwolle, die für BIO COTTON Produkte verwendet wird, besteht zu 100 Prozent aus reiner Biobaumwolle und ist entweder durch OCS (Organic Content Standard) oder GOTS (Global Organic Textile Standard) zertifiziert.

Bewertung & Kritk

Die standardsetzende Organisation und das zertifizierte Unternehmen sind nicht unabhängig voneinander.

 

 

Cradle to Cradle Certified Vector Logo - (.SVG + .PNG) - FindVectorLogo.Com

 

Cradle to Cradle - Textilien - Platin Level


Siegelgeber

Cradle to Cradle („Von der Wiege zur Wiege“) ist ein Siegel der gemeinnützigen Organisation Cradle to Cradle Products Innovation Institute.

Ziel/Schwerpunkt

Ziel ist die Förderung eines Wirtschaftssystems ohne Abfall. Das heißt, dass alle Materialien, die in einem Produkt eingesetzt werden, wiederverwertet oder biologisch abgebaut werden können. Das Siegel zeichnet Produkte aus, die umweltsichere, gesundheitlich unbedenkliche und kreislauffähige Materialien verwenden. Die Anforderungen decken daher überwiegend die frühesten Stufen der Wertschöpfung ab.

Gut zu wissen...

Hersteller, die das Label auf Ihren Produkten tragen wollen, müssen sich bei einem durch das Cradle to Cradle Products Innovation Institut akkreditierten Gutachter (Accredited Assessment Body) anmelden und die Zertifizierung beantragen. Dazu füllen sie im Vorfeld einen Fragebogen aus und senden diesen an den Gutachter. Dieser prüft, ob die Voraussetzungen für eine Zertifizierung gegeben sind und leitet gegebenenfalls das Zertifizierungsverfahren ein. Der Zertifizierungsprozess umfasst die Datenerhebung und Bewertung des Produkts. Es werden eine Materialaufstellung, ein Optimierungsplan und weitere Dokumente erarbeitet.

Bewertung & Kritik

Das Siegel wird in fünf verschiedenen Stufen vergeben. Dieser Bewertung liegt die höchste Stufe, Platin, zugrunde. Aber auch das Platin-Level erfüllt nicht alle Mindestanforderungen an Sozialverträglichkeit.

 

 

GOTS, a certification that matters | Green Tailor - Green Tailor

 

GOTS (Global Organic Textile Standard)


Siegelgeber

Siegelinhaber ist die Global Standard gemeinnützige GmbH, die von der International Working Group on Global Organic Textile Standards gegründet wurde. Dies ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen, die sich für eine umweltverträgliche und sozial verantwortliche Textilproduktion einsetzen.

Ziel/Schwerpunkt

Ziel des Siegels ist, einen weltweit einheitlichen, kontrollierbaren, sozialen und ökologischen Standard aufzubauen, der die gesamte Produktionskette von Textilien umfasst und nachvollziehbar macht. Inhaltlicher Schwerpunkt ist der Einsatz von Chemikalien während der Herstellung.

Gut zu wissen…

Textilien, die zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen und die Anforderungen erfüllen, dürfen das GOTS Siegel ("made with x% organic") tragen. Ab 95% bio-Anteil wird der Zusatz "organic" vergeben. Diese Bewertung basiert auf der Version 5 von GOTS. Derzeit wird die Version 6.0 des Standards erhoben.

Verarbeiter, Händler und Produzenten unterliegen jährlichen Kontrollen durch unabhängige Zertifizierungsstellen und müssen Rückstandskontrollen durch unabhängige Labore zulassen. Stichprobenartig werden unangemeldete Kontrollen durchgeführt. Die Zertifizierungsstellen müssen von der International Organic Accreditation Service (IOAS) akkreditiert sein, eine gemeinnützige Organisation, die weltweit Zertifizierer im Bereich des biologischen Landbaus prüft.

Bewertung & Kritik

GOTS gehört zu den aktuell strengsten Zertifizierungen im textilen Bereich und erfüllt besonders hohe Anforderungen.

 

 

Quality Seal for transparency and consumer protection.

 

Naturtextil IVN zertifiziert BEST


Siegelgeber

Siegelinhaber ist der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft e. V. (IVN). In dem Verband sind Akteure der Naturtextilwirtschaft, vom Faserhersteller bis zum Händler, vertreten. Der IVN ist Mitglied in der IWG, der International Working Group on Global Organic Textile Standard (GOTS), die ebenfalls ein Siegel vergibt.

Ziel/Schwerpunkt

Das Siegel steht für die umweltverträgliche und sozial verantwortliche Herstellung und Verarbeitung von Naturfaser-Textilien.

Gut zu wissen…

Der IVN zertifiziert nur Produkte, die zu mindestens 95 Prozent aus Naturfasern bestehen. Die Naturfasern müssen zudem vollständig aus biologischem Anbau stammen. Jedes Unternehmen, das sich um das Zeichen bewirbt, muss dem IVN eine sogenannte Umweltpolicy vorlegen, in der es unter anderem darlegt, wie es seinen Abfall und die Umweltauswirkungen in der Produktion verringern will.

Der IVN lässt die gesamte Wertsschöpfungskette des Produktes überprüfen. Das bedeutet, dass die Kontrolleure alle Betriebe, die an der Entstehung eins Produktes beteiligt sind, besuchen. Kontrolliert wird durch unabhängige und akkreditierte Zertifizierungsstellen und Labore. Die Kontrollen finden einmal jährlich statt, ein Teil der Betriebe wird zusätzlich unangekündigt überprüft.
 

Bewertung & Kritik

Naturtextil IVN zertifiziert BESTgehört zu den aktuell strengsten Zertifizierungen im textilen Bereich und erfüllt besonders hohe Anforderungen.

 

ÖKOTEX Standard 100 | GLORIETTE — VIENNA 1886.

OEKO-TEX 100


Siegelgeber

Die InternationaleOEKO-TEX®-Gemeinschaft vergibt das Siegel OEKO-TEX 100. Sie ist ein Zusammenschluss von Textilforschungs- und Prüfinstituten.

Ziel/Schwerpunkt

Es handelt sich um ein Label, das zu Verbesserungen bei der Herstellung von gesundheitlich weniger bedenklichen Textilien beiträgt. Anders als der Name möglicherweise nahelegt, sind ökologisch angebaute Ausgangsstoffe jedoch keine Voraussetzung für die Vergabe des Labels. Ebenso müssen keine Naturfasern eingesetzt werden.

Bewertung & Kritik

Anders als OEKO-TEX Made in Green hat OEKO-TEX 100 keinen ausdrücklichen Nachhaltigkeitsanspruch. Das Siegel lässt sich deshalb nicht mit Standards vergleichen, deren Anliegen der Schutz der Umwelt oder die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist.

Weiterer Kritikpunkt: Die Kriterienentwicklung erfolgt unter Hinzuziehung vom Zeichennehmer weitgehend unabhängiger und kompetenter Stellen. Jedoch sind Zeichengeber, Zeichennehmer und Prüfer rechtlich oder wirtschaftlich nicht ausreichend voneinander unabhängig. Die Prüfung, ob die Vergabekriterien eingehalten werden, erfolgt durch eine vom Labelgeber weitgehend abhängige Stelle oder aber diese Stelle ist nicht eindeutig identifizierbar.

 

 

Fair Wear Foundation - faire Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion

Fair Wear Foundation (FWF)


Siegelgeber

Siegelinhaber ist die niederländische Stiftung Fair Wear Foundation (FWF), die von Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Handels- sowie Herstellerorganisationen getragen wird. Mitglieder sind etwa 80 Textilunternehmen, die etwa 120 Marken vertreten. Unser Hersteller ist ebenfalls Mitglied der FWF. Die FWF ist in 15 Produktionsländern innerhalb von Europa, Afrika und Asien aktiv.

Ziel/Schwerpunkt

Ziel ist, die Arbeitsbedingungen in Unternehmen der Textilindustrie weltweit zu verbessern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Betrieben, in denen Textilien genäht werden.

Gut zu wissen…

Textilunternehmen, die bei der Fair Wear Foundation (FWF) Mitglied werden wollen, müssen einen Managementplan aufstellen, der beschreibt, wie das Unternehmen die Geschäftspraktiken anpassen will, um das Ziel besserer Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette Schritt für Schritt umzusetzen. Sie verpflichten sich, den Verhaltenskodex der FWF einzuhalten.

Die FWF prüft auf mehreren Ebenen:

In den Mitgliedsunternehmen führt sie nach einem Jahr jährlich angekündigte Audits durch, kontrolliert das Managementsystem und führt Interviews mit den Verantwortlichen.

Im Vorfeld von Fabrikbesuchen befragen FWF-Kontrolleure Arbeiter in Ihrem privaten Umfeld, um auf Missstände aufmerksam zu werden. Auch Gewerkschafts- oder Arbeitervertreter werden befragt und in die Abschlussbesprechungen der Audits eingebunden.

In den Fabriken werden Dokumente geprüft und Interviews geführt. Innerhalb von drei Jahren kontrolliert die FWF Fabriken, die insgesamt mindestens 10% des Umsatzes des Modeunternehmens repräsentieren.

Ein Beschwerdesystem für die Arbeiter vor Ort dient als Sicherheitsnetz, um auf Missstände aufmerksam zu werden.

Bewertung & Kritik

Besonders empfehlenswert. 

 

 

Textil-Labels und Zertifikate vorgestellt: Das Fair Trade Cotton Siegel für  Baumwolle - Purzelbaum

 

Fairtrade Cotton


Siegelgeber

Siegelinhaber ist der Dachverband FLO e. V. (Fairtrade Labelling Organizations International). Er entwickelt die Kriterien für den Fairen Handel. Nationale Mitgliedsorganisationen wie zum Beispiel TransFair e.V. vermarkten das Siegel.

Ziel/Schwerpunkt

Das Siegel „Fairtrade Baumwolle“ steht für sozialverträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Baumwollproduktion. Es richtet sich insbesondere an Kleinbauern. Die Lizenzgebühren und ein Anteil des Fairtrade-Aufpreises werden für Projekte in den Produktionsländern genutzt. Das Siegel stellt außerdem Anforderungen an einen umweltverträglichen Baumwollanbau.

Gut zu wissen…

Bei der Produktgruppe Baumwolle erhalten die Produzenten einen sogenannten Fairtrade-Mindestpreis. Für biologisch angebaute Baumwolle erhalten sie zusätzlich einen Aufschlag, der die höheren Kosten der Bioproduktion berücksichtigt und einen Anreiz für die Umstellung auf Biozertifizierung beziehungsweise deren Aufrechterhaltung darstellt. Darüber hinaus wird eine Fairtrade-Prämie gezahlt, die es den Produzentenorganisationen ermöglichen soll, Projekte zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung und soziale Projekte umzusetzen.

Die Bauern müssen zudem umweltschonend wirtschaften, der Einsatz von Gentechnik ist verboten. Eine Liste verbotener Substanzen regelt, welche Pestizide eingesetzt werden dürfen.

Bewertung & Kritik

Dieses Siegel erfüllt hohe Anforderungen in den Bereichen Glaubwürdigkeit und Soziales.

 

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Um Klarheit in den Siegel-Dschungel zu bringen, hat die Bundesregierung Internetportale wie Siegelklarheit.de ins Leben gerufen. Die hier zur Verfügung gestellten Bewertungen für die genannten Siegel stammen aus dieser Quelle.

Die Verbraucherinitiative e.V. hat das Portal Label-online.de gegründet, bei dem Gütesiegel nach verschiedenen Kriterien überprüft werden. Auch dies eine interessante Quelle, aus der wir viele Infos für diesen Beitrag entlehnen konnten, und besonders geeignet für alle, die tiefergehende und umfangreiche Informationen zu den jeweiligen Siegeln und zur Labelvergabe suchen.

Beide Webseiten sollen die Verbraucher*innen mit neutralen und unabhängigen Informationen zu den Gütesiegeln versorgen und nachhaltig aufklären, woran ein echtes Gütesiegel zu erkennen ist.


Fazit

Ein Gütesiegel soll vor allen Dingen Vertrauen schaffen – in ein Produkt, den Hersteller oder das Unternehmen im Hinblick auf Qualität, Fairness und Nachhaltigkeit. Die Siegel sollen dabei helfen, Verbraucher*innen eine Orientierung über die Art der Textilproduktion zu geben. Dazu zählen zum Beispiel Informationen zu sozialen und ökologischen Bedingungen - von der Produktion bis in den Einzelhandel.

Kennzeichen für aussagekräftige Siegel sind solche mit fundierten Zahlen, Daten, Fakten und nachgeprüften Kriterien durch anerkannte Institutionen und berechtigte Zertifizierungsstellen.

Insgesamt sind fast alle hier aufgeführten Siegel unabhängig und glaubwürdig und setzen sich für mehr Nachhaltigkeit in der Textilproduktion ein. Ausnahmen: C&A BIO COTTON, das kein unabhängiges Siegel ist, sowie OEKO-TEX 100, das zwar nicht per se unglaubwürdig ist, jedoch keine Aussagekraft in puncto soziale Standards und Nachhaltigkeit treffen kann.

Insgesamt kann man feststellen, dass jedes Siegel seinen eigenen Fokus legt und bisher nicht wirklich alle wichtigen Kriterien mit ihren Stufen in der textilen Wertschöpfungskette abgedeckt werden können. Hier gilt es für die interessierten Konsument*innen individuell zu entscheiden, welche Schwerpunkte ihnen besonders wichtig sind und wie hoch die dem Siegel zugrunde gelegten Standards für sie sein müssen.

 

Quellen: siegelklarheit.de | label-online.de | diqp.eu

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